Altägyptische Kursivschriften

Im Alten Ägypten gab es neben den monumentalen und detailliert ausgeführten Hieroglyphen auch kursive (Hand-)Schriften, die über 3000 Jahre lang in Gebrauch waren. Sie werden als Hieratisch, Kursivhieroglyphen, Abnorm- bzw. Kursivhieratisch und Demotisch bezeichnet. Man schrieb mit Pflanzenstengeln und Rußtusche auf Papyrus, Leinen, Leder, Holz, Ton oder Stein. Die altägyptische Wortwurzel für „Schrift“, „schreiben“ und „Schreiber“ (sesch) wird mit dem Schreibgerät für Handschriften geschrieben, das aus einem Binsenbehälter, einem Ledersäckchen für Farbpigmente und einer Palette mit zwei Näpfen für unterschiedliche Tinte besteht.

Schreibgerät Gardiner Sign-list Y4 (links) und hieratische Version (rechts)

Schreibgerät Gardiner Sign-list Y4 (links) und hieratische Version (rechts)

Außerdem wurden die Zeichen auch in Felswände eingeritzt. Die Kursivschriften wurden als erste Schriftart gelernt und spielten unter Gelehrten, Priestern, Beamten und Schreibern eine wesentliche Rolle für Kommunikation und Verwaltung, aber auch für Dichtung, Wissensgebiete, religiöse und funeräre Texte.

Projekt

Trotzdem sind die Kursivschriften noch nicht systematisch erforscht worden, weder hinsichtlich ihrer Besonderheiten in Orthographie und Abkürzungen, Funktionen und Gebrauch und ihrer historischen Entwicklung, noch hinsichtlich ihres Vergleichs mit den Kursivhieroglyphen, Monumentalhieroglyphen oder den demotischen Zeichen.

Das über 100 Jahre alte Standardwerk mit Listen zur hieratischen Paläographie aller Epochen von Georg Möller beruht auf insgesamt nur 32 Quellen und wurde von der jüngeren Forschung, die gewöhnlich einzelne Texte, kleine Gruppen von Texten oder solche innerhalb eines begrenzten Zeitraums in den Fokus stellen, nur ausschnittweise ergänzt. Der Vergleich dieser (Teil-)Paläographien ist jedoch schwierig oder nahezu unmöglich. Dies ist durch mehrere Aspekte bedingt, u. a. die Heterogenität der Schriftträger, die Qualität der Faksimiles und Fotos sowie die Auswahl der Beispiele.

Im April 2015 startete das langfristig angelegte Projekt ‚Altägyptische Kursivschriften‘ mit Arbeitsstellen am Institut für Altertumswissenschaften – Ägyptologie, der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und dem Institut für Sprach- und Literaturwissenschaft – Computerphilologie der Technischen Universität Darmstadt. Das Projekt wurde dankenswerter Weise von der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften bewilligt.

Ziele

Die Ziele betreffen im Wesentlichen:

  1. die Entwicklung einer digitalen Paläographie der kursiven Handschriften, die alle Epochen des Hieratischen, Abnormhieratischen und der Kursivhieroglyphen von der frühdynastischen Zeit bis zur Römischen Zeit umfasst;
  2. die Analyse verschiedener Aspekte zur hieratischen Schrift und der Kursivhieroglyphen: u. a. durch die Ergänzung der Trismegistos Datenbank mit zusätzlichen Metadatentabellen, zur Aufnahme weiterer, umfangreicher Metadaten, die eine Erforschung verschiedener Themen wie Entstehung und Entwicklung, regionaler Gebrauch, Kontext, Ökonomie und Materialität des Schreibens sowie eventuell sogar die Identifizierung individueller Schreiberhände ermöglichen.